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Mehr als einen Monat nach dem massiven Zustrom von Menschen aus Marokko ist die Lage in Ceuta weiterhin angespannt. Am Dienstag, 8. September, wandte sich der Präsident der spanischen Stadt, Juan Jesús Vivas, deshalb in Brüssel erneut an die EU. Die europäische Unterstützung müsse an der Außengrenze sichtbarer werden, forderte Vivas bei einer Pressekonferenz im Europäischen Parlament. Ceuta sei derzeit ein „Dampfkochtopf, der jederzeit explodieren kann“.
Gemeinsam mit der ebenfalls spanischen Stadt Melilla bildet Ceuta eine Besonderheit: Beide Städte sind die einzigen Orte der EU mit einer Landgrenze zum afrikanischen Kontinent. Die 84.000 Einwohner Stadt grenzt im Westen und in Süden an Marokko und liegt unmittelbar an der Straße von Gibraltar. Politisch gehört Ceuta zu Spanien und ist als „autonome Stadt“ weitgehend mit einer spanischen Region vergleichbar.
Die besondere geografische Lage macht Ceuta seit Jahren zu einem sensiblen Punkt an der EU-Außengrenze. Zwischen der Stadt und Marokko verläuft eine stark gesicherte Landgrenze. Wer von Marokko nach Ceuta gelangt, betritt damit spanisches und somit grundsätzlich EU-Gebiet. Allerdings gilt für Ceuta innerhalb des Schengen-Raums eine Sonderregelung. Die Stadt gehört zwar zu Spanien und damit zur EU, ist aber nicht vollständig in den Schengen-Raum einbezogen. Wer von Ceuta auf das spanische Festland oder in andere Teile des Schengen-Raums weiterreist, wird daher grundsätzlich erneut kontrolliert.
Wie groß der Druck auf die kleine Stadt sein kann, zeigte sich Ende Juli. Am 30. und 31. Juli gelangten nach spanischen Angaben mehr als 72.000 Menschen aus Marokko nach Ceuta. Viele überquerten die Grenze zu Fuß, andere versuchten, die Stadt schwimmend zu erreichen. Die meisten Menschen kehrten anschließend nach Marokko zurück oder wurden dorthin zurückgebracht. Bereits kurz nach dem Massenandrang waren Zehntausende wieder auf marokkanischer Seite. Dennoch blieb eine beträchtliche Zahl in Ceuta. Anfang September ging die spanische Zentralregierung von rund 5.000 Menschen aus, die noch in der Stadt verblieben waren. Präsident Vivas spricht hingegen von einer deutlich schwerer einzuschätzenden Zahl und nannte zuletzt Größenordnungen zwischen 5.000 und 15.000.
Besonders schwierig ist die Situation bei unbegleiteten Minderjährigen. Die vorhandenen Aufnahmezentren sind nach Angaben der lokalen Behörden überlastet. Neben der Unterbringung geht es um Betreuung, medizinische Versorgung, Bildung und den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Die spanische Regierung hat deshalb bereits zusätzliche Maßnahmen eingeleitet; gleichzeitig wächst in Ceuta der politische und gesellschaftliche Druck. Der Massenandrang hatte zudem eine tragische Seite. Nach offiziellen Angaben kamen mindestens 91 Menschen beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben. Viele ertranken, andere starben beim Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte höher liegen.
Für Vivas ist die Krise nicht allein eine Angelegenheit Spaniens. Er argumentiert, dass Ceuta eine EU-Außengrenze schützt und deshalb auch europäische Unterstützung benötigt. Konkret fordert er unter anderem eine stärkere Präsenz der EU-Grenzschutzagentur Frontex sowie der EU-Asylagentur. Auch bei Infrastrukturmaßnahmen zur Sicherung der Grenze und bei der Bewältigung der humanitären Folgen erwartet er Unterstützung aus Brüssel. Die EU ist bereits an der Bewältigung von Migrationsbewegungen an ihren Außengrenzen beteiligt. Frontex unterstützt die Mitgliedstaaten etwa beim Grenzmanagement und bei Rückführungen, während die EU-Asylagentur bei der Umsetzung des europäischen Asylsystems unterstützt. Gleichzeitig bleibt die Verantwortung für die konkrete Grenzsicherung und die Aufnahme von Migrant:innen grundsätzlich bei den Mitgliedstaaten. Genau hier liegt die politische Brisanz des Falls Ceuta: Die Stadt ist spanisch, ihre Außengrenze ist zugleich eine EU-Außengrenze – die unmittelbare Belastung trägt jedoch eine Kommune.
Eine weitere Ebene der Krise ist das Verhältnis zwischen Spanien und Marokko. Die Grenze von Ceuta ist gleichzeitig eine EU-Außengrenze zu einem Drittstaat. Für deren Kontrolle ist die Zusammenarbeit mit Marokko deshalb von zentraler Bedeutung. Der spanische Staat arbeitet mit den marokkanischen Behörden bei Rückführungen und Grenzkontrollen zusammen. Gleichzeitig ist das Verhältnis politisch sensibel. Marokko erkennt die spanische Hoheit über Ceuta und Melilla nicht an und betrachtet beide Städte als marokkanisches Territorium.
Die Europäische Kommission hat inzwischen konkrete Unterstützung zugesagt. Am 4. September beschloss sie, Spanien 114,7 Millionen Euro an Nothilfe für die Bewältigung der Situation in Ceuta bereitzustellen. Die Mittel stammen aus zwei EU-Fonds: 82,7 Millionen Euro kommen aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF), weitere 32 Millionen Euro aus dem Instrument für Grenzmanagement und Visa (BMVI). Mit dem Geld sollen unter anderem die Überwachung und der Schutz der Grenze sowie die dafür notwendige Infrastruktur verbessert werden. Vorgesehen sind beispielsweise Wärmebildkameras und Beobachtungstechnologien, schwimmende Bojensysteme und Unterwasserdrohnen. Zusätzlich können Personal und Ausrüstung finanziert werden. Die EU-Mittel unterstützen auch die Einrichtung von Einrichtungen zur Registrierung und Erstaufnahme von Migrant:innen sowie Rückführungen jener Menschen, die kein Aufenthaltsrecht in Ceuta haben. Ein weiterer Teil ist für die Aufnahmekapazitäten in Ceuta vorgesehen – insbesondere für unbegleitete Minderjährige.
Neben der finanziellen Hilfe verstärkt die EU auch ihre operative Unterstützung. Frontex soll bestehende Einsätze in Spanien 2027 verlängern. Die Operation „Minerva“ wurde bereits verlängert und umfasst weiterhin den Einsatz von Beamt des Ständigen Korps in Ceuta. Darüber hinaus kann Frontex maritime Einsatzmittel bereitstellen, den Informationsaustausch über Eurosur unterstützen und bei Rückführungen helfen. Auch Europol und die EU-Asylagentur (EUAA) haben ihre Unterstützung zugesagt. Europol soll insbesondere bei der Bekämpfung von Schleusernetzwerken helfen. Die Kommission betont zugleich, dass die rasche Rückkehr jener Menschen, die kein Recht auf Aufenthalt haben, eine Priorität bleibt.
Migrationsexpert:innen sehen vor allem zwei Konsequenzen für die EU: Die Ereignisse müssten zunächst unabhängig aufgearbeitet werden, um zu klären, warum es zu dem massiven Ansturm kam. Gleichzeitig brauche es europäische Abkommen mit sicheren Drittstaaten, in denen unter rechtsstaatlichen Bedingungen Asylverfahren möglich sind. Damit könnten irreguläre und lebensgefährliche Wege in die EU eingedämmt und zugleich legale Wege für Schutzbedürftige geschaffen werden. JW
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